Samstag, 19. September 2015

GIANNA JESSEN: ICH ÜBERLEBTE MEINE ABTREIBUNG

"Meine biologische Mutter war im siebten Monat schwanger als sie sich entschloss, mich abzutreiben. Ich weiß nicht, wieso sie diese Entscheidung traf. Es war 1977. Sie und mein biologischer Vater waren damals 17 und nicht verheiratet.

Sie ging in eine Klinik in Los Angeles und ließ eine Abtreibung durch Säure vornehmen. Dabei wird eine Salzlösung in den Bauch der Mutter injiziert, welche das Baby schluckt. Diese Lösung verätzt das Baby also von innen und von außen. Die Idee war, dass sie das tote Kind innerhalb von 24 Stunden auf die Welt bringt. Aber durch Gottes Gnade überlebte ich.

Der Abtreibungsarzt war gerade nicht im Dienst, als ich zur Welt kam. Wäre er es gewesen, hätte er mein Leben durch Strangulation oder Ersticken beendet, oder mich einfach zum Sterben liegen lassen, was bis zum 5. April 2002 in den USA völlig legal war. Heutzutage müsste ein Kind, das seine Abtreibung überlebt hat, medizinisch versorgt werden. Der Arzt müsste eine Geburtsurkunde unterschreiben. Er müsste ein Leben bestätigen, das er nur Stunden vorher versuchte zu beenden.

Die einzige auch nur im entferntesten um mein Wohlergehen besorgte Person war die Krankenschwester. Sie rief einen Notarzt und ließ mich in ein Krankenhaus bringen. Nur zwei Pfund schwer wurde ich in einen Inkubator gelegt. Man erwartete nicht, dass ich überleben würde.

Nach einigen Monaten war ihnen jedoch klar, dass ich einen gewaltigen Überlebenswillen hatte. Ich kam in die Fürsorge und wurde mit 17 Monaten mit zerebrale Kinderlähmung diagnostiziert, eine Folge des Sauerstoffmangels den ich erlitten hatte, während ich 18 Stunden lang im Bauch meiner Mutter bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Ich konnte mich nicht bewegen und sie sagten, dass ich für den Rest meines Lebens einfach nur Gemüse sein würde.

Meine Pflegemutter, Penny, beschloss mit mir zu arbeiten, egal, was die Ärzte sagten. Sie machte mit mir dreimal täglich meine Übungen und ich begann, den Kopf zu heben, zu sitzen und zu krabbeln. Irgendwann, mit dreienhalb Jahren, war ich in der Lage mit Stützschienen und Gehhilfe zu laufen. Das war in dem Alter, als mich Pennys Tochter, damals um die dreißig, adoptierte.

Ich bin jetzt 28 und arbeite als Musikerin in Nashville, Tennessee. Ich hinke noch immer beim Laufen und falle manchmal hin. Aber ich habe eben meinen ersten Marathon abgeschlossen und werde nächsten April den London Marathon laufen um Spenden für Kinder mit zerebraler Kinderlähmung zu sammeln.

Diana hat mir von meiner Vergangenheit erzählt. Ich hatte immer schon so eine Ahnung, dass da etwas war in meiner Lebensgeschichte. Ich fragte immer nach, wieso ich Kinderlähmung hätte. Man sollte denken, dass ich zufrieden hätte sein können mit der Antwort, ich sei zu früh zur Welt gekommen oder hätte eine traumatische Geburt erlebt.

Doch als ich mit 12 Jahren wieder nachfragte und sie wissen wollte, ob es mir wirklich ernst war, sagte ich ja. Als sie es mir erklärte war meine Antwort typisch für eine Zwölfjährige. Ich sagte einfach, dass ich nun zumindest aus einem interessanten Grund Kinderlähmung hätte. Meine Mutter sagte etwas Gutes: Anstatt sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass du fast gestorben wärst, freue dich darüber, dass du lebst. Und das tue ich.

Als ich 17 war traf Diana meine biologische Mutter und richtete ihr ganz klar meine Vergebung aus. Ich bin Christin. Ich glaube, dass Verbitterung unser Leben auffrisst. Ich will das Gegenteil sein von bitter. Ich hatte sie nie treffen wollen. Penny hat mich so wunderbar geliebt, dass ich nicht das Bedürfnis fühle. Ich weiß nicht viel von diesem Treffen, außer dass sie nicht um meine Vergebung bat und später eine weitere Abtreibung gehabt hatte.

Ich begann über Abtreibung zu sprechen als ich 14 war und werde kommenden Dienstag bei einem Treffen das Parlaments vor dem Unterhaus darüber reden. Ich glaube, dass es wichtig ist, als jemand, der solche Dinge erfahren hat nicht nur die Wahrheit über Abtreibung zu verbreiten, sondern auch über das wunderbare Leben, welches man durch den Sieg über seine Schwächen haben kann.

Ich glaube nicht an ein Recht aufs Töten. Ich bin komplett gegen Abtreibung unter allen Umständen, auch bei Vergewaltigung.

Obgleich Vergewaltigung ein furchtbares Verbrechen ist glaube ich nicht, dass ein Kind für dieses Verbrechen bezahlen muss. Ich glaube nicht daran, dass Abtreibung in diesem Fall ein Problem löst. Tatsächlich habe ich Leute getroffen, die durch Vergewaltigung gezeugt wurden und sagen, dass sie froh sind am Leben zu sein. Wenn es bei Abtreibung vor allem um die Rechte von Frauen gehen soll, wo sind meine? Es gab keine radikalen Feministen die nach meinen Rechten gebrüllt hätten, welche an jenem Tag verletzt wurden.

Jeden Tag danke ich Gott für mein Leben. Ich sehe mich nicht als Nebenprodukt einer Empfängnis, einen Zellklumpen oder irgend eine andere Sache, als die Ungeborene oft bezeichnet werden. Ich sehe nicht ein, dass irgendjemand gezeugt wurde um eins davon zu sein. Ich habe Abtreibungsüberlebende getroffen. Sie alle sind dankbar für ihr Leben.

Heutzutage ist ein Baby nur ein Baby wenn es grade passt. Falls der Zeitpunkt nicht passt, ist es ein Zellklumpen. Ein Baby ist ein Baby, sobald im zweiten, dritten, vierten Monat eine Fehlgeburt stattfindet. Ein Baby wird als Zellklumpen bezeichnet, wenn im zweiten, dritten, vierten Monat eine Abtreibung durchgeführt wird. Warum ist das so? Ich sehe keinen Unterschied.

In glaube daran, dass ich der lebende Beweis dafür bin, dass Abtreibung der Mord an einem Menschen ist. Vor 28 Jahren fühlte meine Mutter die Berechtigung zu einer Entscheidung, von der sie dachte, dass sie nur sie selbst betreffen würde. Und doch trage ich die Spur ihrer "Wahl" in Form meiner Kinderlähmung jeden Tag meines Lebens bei mir. Obgleich ich ihr das nicht vorwerfe denke ich, dass es wichtig ist, dass Menschen darüber nachdenken, ehe sie ihre Entscheidung treffen."

Dieser Artikel stammt vom 6.12.2005 und ist zunächst bei The Independent (UK) und auf LifeNews.com (http://www.lifenews.com/2005/12/06/nat-1880/) erschienen.

Heute ist Gianna Jessen eine der bekanntesten Lebensrechtlerinnen in den USA und Weltweit.
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Kommentare:

  1. "Obgleich Vergewaltigung ein furchtbares Verbrechen ist glaube ich nicht, dass ein Kind für dieses Verbrechen bezahlen muss." Das ist nachvollziehbar, bedeutet aber nichts anderes als dass das andere Verbrechensopfer - die Frau - dafür bezahlen muss. Wie Maria v. Welser eindrucksvoll schilderte, beschrieben so gut wie alle von ihr im Rahmen der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg befragten Vergewaltigungsopfer die darauffolgenden Schwangerschaften und Geburten als wesentlich qualvoller, demütigender und erniedrigender als die Vergewaltigungen selbst.

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    1. Ihr Einwand ist absolut verständlich, zeigt jedoch für mich die eben unterschiedliche Ausgangslage. Wenn ein ungeborenes Kind ein der Mutter vollauf gleichwertiger Mensch ist, kann nie von einem vorherrschenden Recht der Mutter die Rede sein bzw das Verschonen eines Lebens oder Zugeständnis dieses Lebensrechts eine ungerechte Bezahlung von Seiten der Mutter. Kein noch so schlimmes Gefühl kann nach dieser Überzeugung den Tod eines Mitmenschen rechtfertigen.

      Ich kenne viele Schilderungen von Frauen, die Probleme mit einer Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung hatten, und ich bin mir sicher, dass dies eine schlimme Erfahrung sein kann...auch schlimmer, als die Vergewaltigung. Gleichzeitig sind mir viele Berichte von Frauen bekannt, die eine Abtreibung vornehmen ließen und diese ebenfalls als schlimmer empfanden als die Vergewaltigung.

      Man kann diese Gefühle kaum gegeneinander aufheben, denn man wird nie wissen, was gewesen wäre wenn. Und eine Abtreibung ist immer ein drastischer und vor allem gefährlicher Schritt, egal, was die Person sonst schon so erlebt hat.

      Interessant ist, dass die Gefühle bei Vergewaltigung und Abtreibung von vielen Frauen im Nachhinein mit ganz ähnlichen Worten beschrieben werden.

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