GEFÜHLSCHAOS

Irgendwie ist es mir nicht klar gewesen, doch langsam muss ich den erschütternden Tatsachen ins Auge sehen.

Ich hatte es eigentlich getestet, und zwar an meinem Kommilitonen, meinem Cousin und meiner Nachbarin. Es zeigten sich keinerlei Symptome während des Umarmens, Raufens und teilens von Trinkbechern, die auf eine Phobie oder irgend geartete Paranoia hingewiesen hätte. Deshalb wog ich mich eigentlich in Sicherheit. Irgendwo kam die hirnrissige Vermutung angeschwappt, Homophobie ließe sich per Tröpfcheninfektion und Berührung eines bereits Erkrankten übertragen, doch war ich bisher keinem begegnet.

Wieso machte ich mir eigentlich Sorgen? Schließlich fühlte ich mich wohl! Keine Ahnung... es war wie immer, wenn die Medien etwas hochschaukeln: Schweinegrippe, Tod durch Pferdefleisch...keine Ahnung. Jedenfalls recherchierte ich im Zuge meiner Verunsicherung, fand zwar nur schwammige Andeutungen zu körperlichen, dagegen aber zumindest mehrere fettgedruckte und dick unterstrichene Hinweise zu psychischen Symptomen. Daraufhin durchdachte ich mein Verhältnis zu meinen schwulen Freunden und fand es zufriedenstellend.

Schließlich fasste ich mir dennoch ein Herz und konsultierte Klaus, meinen schwulen Vetter. Er sah mich mehrere Minuten durchdringend an und schüttelte dann den Kopf. "Du bist nicht homophob", diagnostizierte er. Er hatte keine Ahnung. Ich blieb hartnäckig.

"Es könnte was völlig unauffälliges sein. Vielleicht, weil ich Christ bin. Oder weil ich auf Pro-Life-Demos gehe. Oder weil ich gegen In-Vitro-Befruchtungen bin. Oder weil ich mich vegan ernähre. Oder weil ich die Grünen für Pädophile halte."

"Unwahrscheinlich."

"Wieso?"

"Ich hab die gleichen Symptome."

Das war einleuchtend. Ich erfreute mich also über einen viel zu langen Zeitraum meiner blendenden Gesundheit.

Ein Ereignis vor zwei Tagen warf mein Leben dann aus der Bahn. Sir Elton John persönlich machte mir klar, worin mein Fehler lag. Und zwar in Klaus. Homosexuelle können demnach doch an Homophobie erkranken. Zwar hatte ich noch immer nicht genau begriffen, aber offenbar sind und waren die kritischen Symptome der Erkrankung und ihre Zulassung weit komplexer als bisher vermutet. Das Leben als Homosexueller ist nämlich noch schwieriger als erwartet. Zu den hinlänglich bekannten Schwierigkeiten, die biologischer Natur sind, kommt nämlich der sogenannte Queer-Kodex, der in vielen Fragen der Ethik, Biologie, Physik und Politik klare Regeln vorgibt. Die gute Nachricht ist, der Kodex ist nicht offiziell, und man darf sein eigenes Leben führen, ohne auf die Finger zu kriegen. Die schlechte Nachricht ist, man kann aufs Dach kriegen...und zwar von unabhängigen Queer-Milizen, die vornehmlich im Internet wüten und an den linken Straßenrändern beliebiger, oft auch Themenfremder Demos tatkräftig ihren Standpunkt (ver)treten.

Jetzt kommt das Problem: Der Queer-Kodex geht jeden was an. Langsam verstehe ich sogar, nach welchem Prinzip er Themen auswählt, nämlich nach Gefühl. Und da Moral und Wissenschaft langsam ziemlich nervig und rückständig sind, kommt Gefühl grade richtig. Unsere Politiker dürfen sich freuen, denn das löst so ziemlich alle Probleme, die man mit Schubladendenken, Gesetzen, Regeln und der Polizei immer hatte. Wie und als was ich mich FÜHLE, das ist entscheidend.

Leider war meine Ahnung richtig, und Klaus hat sich zu früh gefreut. Bei Pro-Life-Demos, In-Vitro-Befruchtung und den bösen Grünen hatten ein paar Leute ein schlechtes Gefühl, deshalb sind diese Indizien längst als schwarze Punkte auf der schwarzen Liste im Queer-Kodex und als Symptome für Homophobie im Internet gelandet. Ich fühle, wie leichter Unmut in mir aufsteigt und ich eigentlich keinen Bock mehr auf den Queer-Kodex habe. Ich leide wirklich, die Krankheit hat es in sich. Die Infektion schließt nämlich meine eigenen Gefühle von jeglicher Gesetzmäßigkeit aus.

Jetzt, da ich die Diagnose habe, fühle ich, dass es langsam aufwärts gehen könnte. Das wäre nur um so vieles leichter, gäbe es ein paar Gesetzmäßigkeiten, an die ich mich halten könnte.

Oder Gefühlstransfusionen. Meine Gefühlsgruppe ist 0 Negativ.

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