Dienstag, 31. März 2015

HOMOPHOBE KIRCHE?

Neulich auf einer Demo wurde ich wieder einmal angesprochen.
Ob ich zur Kirche gehöre. Klar, mit größtem Vergnügen.
Und was hältst du von Homosexualität?

Er ist vermutlch schwul...das verrät die Organisation, die auf seinem Shirt abgedruckt ist.

"Nicht so viel," sage ich, "aber euch Schwule mag ich total."

Unverzüglich bin ich um eine Reihe nicht eben schmeichelhafter neuer Spitznamen reicher und erfahre, dass Schwulenhasser bei ihren Argumenten immer demonstrativ ihre schwulen Freunde, die sie im echten Leben haben und die ihren Hass legitimieren, ins Feld führen.

Das hatte er jetzt falsch verstanden, doch ich beließ es dabei. Einen konstruktiven Diskussionsbeitrag hatte er ja nicht erbracht. Und ich habe wirklich schwule Freunde, Ehrenwort!

Ich musste noch länger daran denken, auch an meine schnelle und unüberlegte Antwort. Und ich musste einsehen, dass sie wirklich ernst und ehrlich meiner Überzeugung entsprach.

Heute definieren sich die meisten Menschen über ihre Taten, ihr Verhalten, ihr Können. Ihr Fühlen.

Da unsere Gesellschaft aber Maßstäbe mittlerweile ablehnt, definieren wir uns und unsere Mitmenschen in abstruser Willkür. Politiker, die ihre Doktorarbeiten gefälscht haben oder Promis, die unglückliche Schnappschüsse ins Feld führen, werden fertiggemacht. Wir selbst tragen mit Fassung unsere Schwarzfahrten in der U-Bahn. Schwangere, die Rauchen, werden fertiggemacht...gleichzeitig sind wir für Abtreibung. Wir protestieren gegen staatliche Willkür und fordern danh härtere Gesetze gegen dies und jenes. Wir stauchen unsere eigenen Kinder zusammen und regen uns über unsere Nachbarn auf, die ihren Hund ausgesperrt haben.

Und wir nehmen alles persönlich, da wir uns über unsere Fehler und Taten definieren.

Und da kommt die große Lösung.

Die ist von der katholischen Kirche zwar nicht patentiert, aber seit 2000 Jahren tragendes Alleinstellungsmerkmal.

Gott definiert uns nämlich nicht über unsere Taten. Er liebt uns als Menschen und will, dass wir uns und die anderen ebenso lieben. Er zieht keinen vor, er stellt keinen zurück. Er liebt uns einfach, egal, wie viel/wenig wir erreichen, egal wie gut/schlecht unsere Taten sind.

Allerdings gibt es Sünde. Das sind die Sachen, die uns von Gott ablenken. Ihn nicht von uns...keine Sorge. Aber wir stehen uns damit selbst im Weg, da wir uns damit gegen Gott entscheiden. Dazu zählt außerehelicher Geschlechtsverkehr (also Sex vor der Ehe, Pädophilie, Prostitution, Homosexualität, Fremdgehen jeder Art), Dinge wie Stehlen und Betrügen. Lügen, Unfreundlichkeit... Sünde. Eigentlich ist alles eine Sünde, was wir ohne Liebe tun. Ohne Liebe zu Gott und damit unseren Mitmenschen. Das ist die Definition.

Einerseits ist die Kirche damit der einzige Club, der knallhart zwischen gut und böse entscheidet. Mit klaren Maßstäben, die, ehrlich gesagt, so ziemlich alles eher erleichtern als umgekehrt. Bevor ich böswillig über andere herziehe überlege ich mir selbst, was ich privat so verbreche.
In Unterhaltungen bin ich gern sarksatisch und auch böse...das ist sicher nicht gut. Es ist ein Hindernis zu Gott und das sollte ich ausräumen, sonst hab ich irgendwann das Nachsehen...nach meinem Tod. Und im Grunde auch jetzt schon. Aber es fällt mir echt schwer, davon zu lassen, weil ich wirklich Spaß dran habe. Nicht die Leute, die es trifft. Und Gott daher auch nicht.

Andererseits ist die Kirche der einzige Club, bei dem jeder aufgehoben ist. Und keiner der Böse ist, da Taten unseren Wert nicht definieren vor Gott. Keiner fliegt raus, weil er irgendwas tut. Einige haben sich über andere Mitglieder, ihre Ansichten und Entscheidungen (manchmal zurecht) aufgeregt und ihren eigenen Verein gegründet. Aber in der Kirche ist nunmal jeder willkommen...und man kann nicht fliegen, da Gott uns nicht über unsere Taten definiert. Er hat einen zum ersten Papst gemacht, der ihn in seiner schlimmsten Stunde feige verraten hatte, sich nicht zu ihm bekannte und beim grausamen Tod seines besten Freundes aus Angst nicht dabeisein wollte.

Liebe Schwule, die Kirche mag euch wirklich! Gott mag euch, keiner hat etwas gegen euch. Niemand.
Was ihr tut, tolerieren wir. Das ist egal. Das ist zwischen euch und Gott. Und das geht uns einen Scheiß an.

Und wenn ihr den letzten Satz ein bisschen ernstnehmen könnt, liebe Aktivisten, sollte euch klar sein, dass es auf all unseren bösen Demos nicht gegen euch geht. Es ist fast schon spaßig, wenn sich schwule Pärchen beim Marsch fürs Leben demonstrativ abschlecken, um die Marschierenden zu provozieren. Zu Hause machen wir das auch manchmal, aber danke für die öffentliche Vorstellung. Abtreibung und Euthanasie haben ja eigentlich nichts mit Schwulenhass zu tun.
Nächster Fall: Demo für alle. Die Grünen, eine mehr oder minder durch Pädophile vertretender Verein, will unsere Grundschulkinder aufklären. Mit Methoden, die unter Erwachsenen als sexuelle Belästigung gelten würden. Mit SM- und Orgasmuspantomime, Dildos und dergleichen. Das ist doch krank... und das sind unsere Kinder.

Ich weiß, das ist schwer zu verkraften, aber dass ihr unsere Demo bekämpft und uns bis ins Wasser nachhüpft ist eher verwirrend als beeindruckend. Schließlich hat niemand was gegen euch gesagt. Und einige von uns sind selbst schwul. Hat ja auch gar nichts mit der Thematik zu tun.

Hilfreich wäre, wenn auch ihr etwas toleranter an die Thematik herangeht. Dann würde schnell auffallen, dass ihr an falscher Front kämpft.

Homophobie gibt es z.B. in Teilen der HipHopSzene. Dort können wir gerne gemeinsam für Toleranz kämpfen! Ein etwas offenerer/toleranter Blick würde euch vielleicht davon abhalten, euch das nächste Mal von den Grünen und der SPD für ihre fragwürdigen politischen Aktionen instrumentalisieren zu lassen (liebe Piraten auf der Demo für alle).

Und uns nur kurz zuhören, das hilft.

Dienstag, 17. März 2015

GEFÜHLSCHAOS

Irgendwie ist es mir nicht klar gewesen, doch langsam muss ich den erschütternden Tatsachen ins Auge sehen.

Ich hatte es eigentlich getestet, und zwar an meinem Kommilitonen, meinem Cousin und meiner Nachbarin. Es zeigten sich keinerlei Symptome während des Umarmens, Raufens und teilens von Trinkbechern, die auf eine Phobie oder irgend geartete Paranoia hingewiesen hätte. Deshalb wog ich mich eigentlich in Sicherheit. Irgendwo kam die hirnrissige Vermutung angeschwappt, Homophobie ließe sich per Tröpfcheninfektion und Berührung eines bereits Erkrankten übertragen, doch war ich bisher keinem begegnet.

Wieso machte ich mir eigentlich Sorgen? Schließlich fühlte ich mich wohl! Keine Ahnung... es war wie immer, wenn die Medien etwas hochschaukeln: Schweinegrippe, Tod durch Pferdefleisch...keine Ahnung. Jedenfalls recherchierte ich im Zuge meiner Verunsicherung, fand zwar nur schwammige Andeutungen zu körperlichen, dagegen aber zumindest mehrere fettgedruckte und dick unterstrichene Hinweise zu psychischen Symptomen. Daraufhin durchdachte ich mein Verhältnis zu meinen schwulen Freunden und fand es zufriedenstellend.

Schließlich fasste ich mir dennoch ein Herz und konsultierte Klaus, meinen schwulen Vetter. Er sah mich mehrere Minuten durchdringend an und schüttelte dann den Kopf. "Du bist nicht homophob", diagnostizierte er. Er hatte keine Ahnung. Ich blieb hartnäckig.

"Es könnte was völlig unauffälliges sein. Vielleicht, weil ich Christ bin. Oder weil ich auf Pro-Life-Demos gehe. Oder weil ich gegen In-Vitro-Befruchtungen bin. Oder weil ich mich vegan ernähre. Oder weil ich die Grünen für Pädophile halte."

"Unwahrscheinlich."

"Wieso?"

"Ich hab die gleichen Symptome."

Das war einleuchtend. Ich erfreute mich also über einen viel zu langen Zeitraum meiner blendenden Gesundheit.

Ein Ereignis vor zwei Tagen warf mein Leben dann aus der Bahn. Sir Elton John persönlich machte mir klar, worin mein Fehler lag. Und zwar in Klaus. Homosexuelle können demnach doch an Homophobie erkranken. Zwar hatte ich noch immer nicht genau begriffen, aber offenbar sind und waren die kritischen Symptome der Erkrankung und ihre Zulassung weit komplexer als bisher vermutet. Das Leben als Homosexueller ist nämlich noch schwieriger als erwartet. Zu den hinlänglich bekannten Schwierigkeiten, die biologischer Natur sind, kommt nämlich der sogenannte Queer-Kodex, der in vielen Fragen der Ethik, Biologie, Physik und Politik klare Regeln vorgibt. Die gute Nachricht ist, der Kodex ist nicht offiziell, und man darf sein eigenes Leben führen, ohne auf die Finger zu kriegen. Die schlechte Nachricht ist, man kann aufs Dach kriegen...und zwar von unabhängigen Queer-Milizen, die vornehmlich im Internet wüten und an den linken Straßenrändern beliebiger, oft auch Themenfremder Demos tatkräftig ihren Standpunkt (ver)treten.

Jetzt kommt das Problem: Der Queer-Kodex geht jeden was an. Langsam verstehe ich sogar, nach welchem Prinzip er Themen auswählt, nämlich nach Gefühl. Und da Moral und Wissenschaft langsam ziemlich nervig und rückständig sind, kommt Gefühl grade richtig. Unsere Politiker dürfen sich freuen, denn das löst so ziemlich alle Probleme, die man mit Schubladendenken, Gesetzen, Regeln und der Polizei immer hatte. Wie und als was ich mich FÜHLE, das ist entscheidend.

Leider war meine Ahnung richtig, und Klaus hat sich zu früh gefreut. Bei Pro-Life-Demos, In-Vitro-Befruchtung und den bösen Grünen hatten ein paar Leute ein schlechtes Gefühl, deshalb sind diese Indizien längst als schwarze Punkte auf der schwarzen Liste im Queer-Kodex und als Symptome für Homophobie im Internet gelandet. Ich fühle, wie leichter Unmut in mir aufsteigt und ich eigentlich keinen Bock mehr auf den Queer-Kodex habe. Ich leide wirklich, die Krankheit hat es in sich. Die Infektion schließt nämlich meine eigenen Gefühle von jeglicher Gesetzmäßigkeit aus.

Jetzt, da ich die Diagnose habe, fühle ich, dass es langsam aufwärts gehen könnte. Das wäre nur um so vieles leichter, gäbe es ein paar Gesetzmäßigkeiten, an die ich mich halten könnte.

Oder Gefühlstransfusionen. Meine Gefühlsgruppe ist 0 Negativ.